Analysen

Die modulare Analyseplattform KALEVI ermöglicht Milieu- und Kommunikationsanalysen, die zugrundeliegenden Algorithmen identifizieren Großgruppen anhand ihres beobachtbaren Verhaltens im digitalen Kommunikationsraum und erfassen ihre thematischen Schwerpunkte, ihre normativen Orientierungen und ihr Schädigungspotenzial. KALEVI verarbeitet Millionen Social-Media-Posts oder tausende Webseiten innerhalb kürzester Zeit und eingebettet in eine methodisch gesicherte Datenverarbeitungskette, identifiziert algorithmisch die relevanten Informationen und kondensiert diese zu kompakten Lagebildern, die einen spezifischen Zustand von Organisationen und Prozessen offenlegen – erfahrungsgemäß etwa 3-6 Monate bevor die Organisation selbst aussagekräftige Daten in auswertbarer Ordnung zur Verfügung hat. Dies ermöglicht eine umfassende und proaktive Analyse der öffentlichen Meinung, aufkommender Trends sowie potenzieller Risiken.

Eine Grundfunktion unserer Technologie besteht im dank unüberwacht trainierter KI bias-freien Zusammensetzen unzähliger verteilter, in ihrer Bedeutung aber zusammengehöriger Einzelinformationen zu einem sinnhaften Gesamtbild. Beispielsweise war zum Jahreswechsel 2022/23 eine russische Frühjahrsoffensive angekündigt, die mehrere hunderttausend Soldaten zusätzlich an die Front bringen sollte. KALEVI fand damals all diejenigen social-media-Posts und Lokalzeitungsmeldungen in russischer Sprache, die von der desolaten Lage der russischen Mobilisierung vor Ort berichteten – Kleidung und Schuhe fehlten, Seife und Schemel ebenfalls, die Unterkünfte, die die Eingezogenen zunächst aufnehmen sollten, waren zu klein, baufällig oder entgegen offizieller Angaben nie gebaut worden; es mangelte an Waffen, noch mehr an Munition, darüberhinaus war die EDV entweder veraltet oder schlicht nicht vorhanden; bestehende Datengrundlagen wiederum, auf deren Basis nun eingezogen werden sollte, erwiesen sich als lückenhaft oder frei erfunden und völlig unklar war, welche Männer und warum vom Militärdienst befreit sein sollten. Gleichzeitig versuchten die Behörden, bereits eingezogene Ärzte und Orthopäden von der Front zurückzuholen. Sehr schnell wurde das Ausmaß der Korruption der letzten Jahrzehnte sichtbar. Die für März/April 2023 geplante russische Offensive fand nicht statt, stattdessen rückten die Ukrainer vor.

Ob all diese Einzelinformationen zu manipulativen oder natürlichen Strukturen gehören, ist dabei unerheblich, gefunden wird, was zusammengehört – expliziert oder implizit mitgeteilt. Sowohl können auf gesamter wie auf milieuspezifischer Diskursebene Themen und Lagen qualitativ und quantitativ aufgeschlossen, als auch Diskursmanipulationen samt narrativer Stoßrichtung nachgewiesen werden.

Kurze Zusammenfassungen von Analysen aus den Jahren 2023– 2025 zeigen exemplarisch, welche Entwicklungen sich in welchen Themenfeldern vor der Lage erkennen ließen.

2023 | November Hamas-Angriff auf Israel: Perspektiven


Auftraggeber/Empfänger: Militär
Datenbasis: 1,5 Mio. Beiträge (Webquellen, X, TG)
Sprache(n): hebräisch, farsi, arabisch, russisch, englisch

Wenige Wochen nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 07.10.2023 zeigt die vergleichenden Analyse in hebräischer, persischer, arabischer, russischer und englischer Sprache, dass westliche Staaten einem rapide zunehmenden, zivilen wie medialen Druck ausgesetzt werden, der sich dank der in den aufgeklärten, säkularen Gesellschaften des Westens juristisch kodifizierten Werte von Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit frei organisieren und massiv entfalten kann und von KI-gestützten Propagandakampagnen (verantw. vermutlich Russland als Unterstützung für Iran) verstärkt wird. Dies mündet in eine zyklische Wechselwirkung von militärischer Handlung seitens IDF, darauffolgender Empörung in USA und EU und unter diesem Eindruck stehenden, politischen Entscheidungen. Im Bericht heißt es: „Dieser Druck zwingt Entscheider der westlichen Politik zu Konzessionen, die in der Folge die Bereitschaft, Israel, das die gemeinsamen Werte des Westens vertritt, in der Selbstverteidigung zu unterstützen, reduziert.“

Der Verfassungsschutzbericht 2024 bestätigt die Prognose: „Insgesamt häuften sich im vergangenen Herbst vor allem in Berlin israelfeindliche Proteste mit Teilnehmerzahlen im meist dreistelligen Bereich“ (S. 48), weiter heißt es: „Seit Mai 2024 gab es außerdem propalästinensische und teilweise israelfeindliche Proteste an Universitäten in Europa – darunter auch in Deutschland – und den USA (…). Auch Kern-„al-Qaida“ bezog sich propagandistisch auf diese Proteste und forderte dazu auf, nach diesem Beispiel gegen ‚die Juden‘ und den Staat Israel zu kämpfen. (…) Neben der Diskreditierung Israels als ‚zionistische Besatzungsmacht‘ wird dabei auch gegen deutsche politische Institutionen agitiert, indem die Solidarität Deutschlands gegenüber Israel auf politischer Ebene als Unterstützung des vermeintlichen Aggressors umgedeutet wird.“ (S. 51)

Die Analyseergebnisse vom November 2023 legten neben der schnell zunehmenden Wirkmacht israelfeindlicher und antisemitischer Narrative in den Informationsräumen des Westens auch die Bruchlinien innerhalb der arabischen Welt offen, die sich im Herbst 2023 keineswegs geschlossen hinter die „Achse des Widerstands“ stellte, sondern, vor allem in den Golfstaaten, Jordanien und Ägypten, die Grenzen sicherte, vor mittelalterlichem Hass warnte und Handelswege offenzuhalten versuchte.1 Im Hebräischen wurden innerisraelische Konflikte sichtbar (die Kritik fokussierte sich damals v.a. auf Gantz) und im Persischen war deutlich erkennbar, dass die Mehrheit jener, die sich gegen das Mullah-Regime in Teheran zur Wehr setzen, auch Israel unterstützen. Im russischen Informationsraum wiederum tobte ein Kampf um die Deutungshoheit des Hamas-Überfalls auf Israel, sowohl wurde Hamas als grausame Terrororganisation besprochen, als auch als Erfolgsmoment des „Widerstands“.

Update: Jüngere Analysen (jeweils ca. 100.000 türkischsprachige und arabischsprachige Social-Media-Beiträge mit Deutschland-Bezug) zeigten v.a. in der syrischen Diaspora in Deutschland eine tiefe Spaltung entlang antisemitischer Muster, begleitet von Drohungen gegenüber jenen („ثــوار بــرلــين“), die Juden, Christen oder Kurden als gleichwertig anerkennen. Daneben ließen die türkischen Milieus eine lokal und überregional organisierte, institutionell gefestigte, AKP-nahe Struktur erkennen, wie auch die zunehmend relevante Rolle der Türkei in der europäischen Sicherheitsarchitektur sichtbar wurde. Auf eine weitaus gefährlichere, in der untersuchten arabischen Kommunikation nur indizienhaft sichtbare Strukturbildung weist jedoch ein Bericht des französischen Geheimdienstes aus dem Juni 2025 hin: mit der Abnahme ihres Einflusses in arabischen Ländern konzentrierte sich die Muslimbruderschaft verstärkt auf die institutionellen Strukturen Europas, um politischen Einfluss zu gewinnen.2 Angesichts der Vorgänge in der SPD in Neukölln gewinnt die Frage nach möglichen Einflussnahmen islamistischer Netzwerke auf demokratische Strukturen auch in Deutschland an Relevanz.

  1. Mittlerweile (Stand August 2025) haben auch die Handelsvolumina der Türkei mit Israel via Gaza, entgegen der offiziellen Linie türkischer Regierungsvertreter, um mehr als 500% zugenommen. Ankara bestreitet den Handel, konsistente Handelsdaten stützen aber die These indirekter Weiterleitungen über israelisch kontrollierte Häfen und Landübergänge.
  2. In Großbritannien gibt es mittlerweile über 85 lokale „Scharia-Räte“, die in Konkurrenz zur britischen Judikative Rechtsangelegenheiten regeln.
2023 | Dezember Maritime Sicherheit: Rotes Meer und Suezkanal


Auftraggeber/Empfänger: Reederei
Datenbasis: 968.602 Beiträge | 216.545 Akteure (Webseiten, X, TG)
Sprache(n): türkisch, arabisch, russisch, farsi

Bearbeitungszeit: Auftrag: 17.12.2023; Datenbeschaffung: 17.12.2023; Modellbau (180-Tage-Zeitraum): 21.12.2023; Analyse + Bewertung: 21.12.-31.12.2023
Kernbefund: drastischer Kostenanstieg im Seeverkehr (u.a. Umwege, Sicherheitspersonal, Containerkosten) – kostengünstige Drohnenabwehr unbedingt notwendig; mittelfristig keine Entspannung absehbar; Energiedominanz ab 2024 bei BRICS

Die multilinguale Auswertung verschiedener Perspektiven auf die von Huthi-Milizen angegriffenen Seehandelswege zeigte v.a. den durch Umwege und Sicherheitsmaßnahmen verursachten, drastischen Kostenanstieg auf den Routen, die geheimdienstliche und finanzielle Unterstützung der Huthis durch den Iran (Waffenschmuggel über Oman) und die unverhältnismäßigen Kosten der Drohnenabwehr mittels Raketen. Eine Entspannung der Lage war mittelfristig nicht absehbar, die europäischen Staaten zeigten kein überzeugendes Engagement, gemeinsam einzugreifen. Entschlossen und erfolgreich hingegen war die sofortige Diversifizierung der Transportwege durch die Golfstaaten und Ägypten, die den Handel mit Israel aufrechterhielten.1

Daneben wurde deutlich, dass BRICS mit dem Jahreswechsel 2023/24 durch die Aufnahme unter anderem der VAE seine Position in der globalen Energieversorgung erheblich ausbauen konnte. Bei der Öl- und Gasförderung und bei erneuerbaren Energien erreichen die BRICS-Staaten inzwischen dominierende Marktanteile. Vor dem Hintergrund der strategischen Perspektive der weltweiten Digitalisierung und Automatisierung militärischer wie ziviler Prozesse hat dies insofern weitreichende Konsequenzen, als diese Entwicklungen eine sichere, souveräne und leistungsfähige Energieversorgung voraussetzen und geoökonomische Hebel, z.B. in Produktionsketten, zunehmend sicherheitsrelevant sein werden.

Im August 2025 bestätigt sich die Prognose, China verknüpft Exportgenehmigungen für in der Rüstungsindustrie benötigte Seltenerdmagnete mit Endverbleibskontrollen, die USA reagieren mit beschleunigter Feldeinführung unbemannter Systeme und mit Strategien zur Verringerung der Abhängigkeit von chinesischen Vorleistungen. Kanada und Schweden wiederum investieren, genau wie Russland und Iran, in kleine modulare Reaktoren, um den wachsenden Energiebedarf von KI und Automatisierung abzusichern.

  1. Das ägyptische Logistikunternehmen WWCS beteiligte sich neben den Unternehmen PureTrans und DP World (VAE), Traknet (ISR), Cox Logistics WLL (BHR) an der See- und Landtransportlinie Arab Bridge zwischen Aqaba und ägyptischen Häfen am Mittelmeer, darunter Alexandria, Port Said und Damietta, wodurch die alternative Transportroute bis zu den ägyptischen Häfen Port Said und Ain Sokhna verlängert wurde. In einer zweite Phase sollte damals die Verbindung mit dem Hafen von El-Arish geschaffen werden.
2024 | Mai China: Belt & Road Initiative


Auftraggeber/Empfänger: Militär
Datenbasis: 730.000 Beiträge (Webseiten, X, TG), 45.000 Akteure
Sprache(n): deutsch
Bearbeitungszeit: Auftrag: 17.12.2023; Datenbeschaffung: 17.12.2023; Modellbau (180-Tage-Zeitraum): 21.12.2023; Analyse + Bewertung: 21.12.-31.12.2023
Kernbefund: Chinas Überkapazitäten und technologischer Vorsprung in Schlüsselbranchen sind nicht mehr einzuholen; neue Abhängigkeit manifestiert sich; mehr als 250.000 Arbeitsplätze in Deutschland sind bedroht; China kooperiert in Pilotprojekten mit Sicherheitsbehörden europäischer Länder

China wird im deutschen Informationsraum als engagierter, grüner, zukunftsorientierter und vor allem mächtiger Technologiepartner für die globale Energiewende positioniert. Im Frühjahr 2024 zeigt sich China im deutschen Kommunikationsraum wie ein Unternehmen, das nicht die Marke, sondern die eigenen Produkte in den Vordergrund stellt, mit entsprechenden Kampagnen langfristige Beziehungen zu etablieren sucht und mittels fragmentierter Narration1 Vertrauen in chinesische Produkte wie auch China als Markt und Technologiepartner herzustellen versucht – in der Wirkweise ganz ähnlich einer Marketingkampagne und ohne den Gegner/den Konkurrenten unmittelbar und offensichtlich zu diskreditieren: Nehmen wir Deutschland bzw. Europa als Zielgruppe chinesischer Marketingbemühungen an und die erfolgreiche Energiewende als das deutsche/europäische Ziel, bringt China diejenigen Produkte mit und platziert sie am Markt, die deutschen/europäischen Unternehmen dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen. Die zahlreichen Mitteilungen scheinen sachlich, lassen sowohl die Zusammenarbeit europäischer bzw. deutscher mit chinesischen Unternehmen wie auch den wirtschaftspolitischen Rahmen in China sicher und berechenbar erscheinen und behaupten ein „Besser, Schneller und Einfacher“ der chinesischen Produkte. China wird als friedlich, global exzellent vernetzt und mit der neuen Wirtschaftsmacht BRICS+ im Rücken aktuell und perspektivisch kraftvoll dargestellt, während die Schwäche eines überalterten Westens samt seiner überkommenen Industrie mitgeteilt werden, weiterhin, dass verantwortlich für die Lage allein die früheren Weichenstellungen von CDU/CSU und die Fehlplanung der deutschen Industrie seien. Mitteilungen über Sicherheitsbedenken werden von der schieren Masse an semantisch ähnlichen, prochinesischen Kommunikaten überlagert.

Daneben wurden in ausnahmslos allen, im Rahmen der Untersuchung identifizierten Milieus die vier Problemfelder deutscher Unternehmen kritisch besprochen: hohe Energiepreise, Fach- und Arbeitskräftemangel, Bürokratiebelastung und eine hohe Steuer- und Abgabenlast.2 Über die propagandistischen Befunde hinaus wurde sichtbar, dass EU-Länder die chinesische Wirtschaft insofern stützen, als sie die selbstgesetzten Klimaziele (z.B. emissionsfreier Verkehr bis 2035) nur durch subventionierte Importe chinesischer Produkte erreichen (u.a. Italien u. Belgien kaufen chinesische Elektrobusse). Importzölle wie auch etwaige Hürden bei der EU-Förderung werden durch chinesische Werke in EU-Ländern (z. B. Spanien, Ungarn, Serbien) sowie durch präferenzielle Ursprungsregeln umgangen. Serbien und Ungarn wurden als Pilotregionen für eine chinesisch-europäische Verflechtung von Logistik, Sicherheit und Überwachung identifiziert. Die Analyse zeigte die Manifestation massiver wirtschaftlicher Abhängigkeit Europas von China und prognostizierte den Verlust von über hunderttausend deutschen Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren in den entsprechenden Branchen.

Die deutsche Politik reagierte öffentlich erst im Herbst 2024, der Think Tank CER warnte Anfang 2025 vor einer „zweiten China-Schock“-Deindustrialisierung Deutschlands. Deutsche Unternehmen melden weiterhin tausende Stellenstreichungen und Standortschließungen in den Segmenten, die die Analyse als Risikozonen benannt hatte.

  1. Bei der Manipulationstechnik, die wir als „Fragmentierte Narration“ bezeichnen (zuletzt nachgewiesen zur BTW25), handelt es sich um eine Mechanik, bei der zahlreiche, einzeln für sich betrachtet unauffällige, harmlose oder triviale Botschaften über längere Zeit hinweg, massenhaft gestreut werden und allesamt auf ein und dasselbe Narrativ einzahlen. Diese manipulative Technik, Fragmente eines Narrativs zu ‚verteilen’, ist insofern genauso einfach wie perfide, als sie in der Rezipientenperspektive keine sichtbare Täuschung enthält, sondern über das Streuen zahlreicher semantischer Varianten der Botschaft das kognitive Vermögen der Rezipienten nutzt, Zusammenhänge selbstständig herzustellen, wodurch der Eindruck entsteht, die resultierende Schlussfolgerung sei eigenständig gewonnen worden. Das ist nicht anderes als ein Framing, der Erhalt ähnlicher Informationen aus verschiedenen Quellen fundiert ein scheinbar belastbares Urteil.
  2. Im Bericht vom 30.05.2024 heißt es: „Alle fünf Gruppen besprechen diese Themen in unterschiedlicher Intensität und mehr oder weniger eindeutiger Konnotation, wobei sich aber ein, in allen Akteursgruppen einheitliches Urteil abzeichnet: Chinas technologischer Vorsprung ist von der europäischen resp. deutschen Industrie nicht mehr einzuholen. Die deutsche (Automobil- und Solar-) industrie wird die Energiewende nicht überleben.
2024 | Juni Brandenburg: Kommunal- und Landtagswahl


Auftraggeber/Empfänger: Partei
Datenbasis: 360.000 Beiträge (Webseiten, X) | 71.000 Akteure
Sprache: deutsch
Kernbefund: Kommunikative Aneignung konservativer Kritik durch manipulative, die rechtspopulistische Position unterstützende Netzwerke, Bildung und Jugend sind Schwerpunkte

In Kontext der Brandenburger Landtagswahl zeichnete sich ab, dass konservative Positionen systematisch von manipulativen Netzwerken1 adaptiert, radikalisiert und – mit AfD-Label versehen – massiv verstärkt zurückgespielt wurden. Mit dieser parasitären Vereinnahmung berechtigter, konservativer Kritik und deren flutartiger Eintragung im Informationsumfeld („kommunikative Aneignung“) ging die reflexartige Ablehnung der nun rechtspopulistisch überzeichneten Argumente durch andere Netzwerkteilnehmer einher, die die AfD ablehnten, sodass die konservative Position nur marginal oder gar nicht im Diskurs durchdrang. Jedwede Kritik wurde der Debatte künstlich entzogen und der Eindruck erzeugt, dass allein die AfD die Sorgen und Nöte der Bürger ernst nahm, während die anderen Parteien sich nicht um die Bürger und deren Probleme und Ängste scherten. Zum einen verzerrte dieses Vorgehen die Wahrnehmung des politischen Diskurses, zum anderen schwächte es den politischen Wettbewerb zugunsten von Extremisten.
Daneben wurde sichtbar, dass das in der Weblage kommunizierte Bild Brandenburger Schulen als rechtsextremistisch von der Berichterstattung des RBB dominiert, in den drei Brandenburger Hauptmilieus hingegen ganz unterschiedlich besprochen wurde: Ausführlich in jenem Milieu, das Migranten ausschließlich als Opfer rechtsextremer und rassistischer Übergriffe sah; weniger in jenem Milieu, das die allgemeine Zunahme von Gewalt, darunter die durch Migranten ausgeübte Gewalt thematisierte und überhaupt nicht nicht jenem Milieu, dass allein Migranten für die Zunahme von Gewalt im öffentlichen Raum verantwortlich machte.2

  1. Das primäre Netzwerk von 2.500 koordiniert agierenden Accounts, das auch zur BTW25 aktiv war, wurde der MA HSH übergeben, die dessen Löschung veranlasste.
  2. Der NDR berichtete; Somtxt hatte zuvor den vollständigen Ergebnisbericht zur Verfügung gestellt: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Rostocker-Unternehmen-findet-Tausende-AfD-nahe-Fake-Accounts,fakeaccounts108.html
2024 | Juli Brigade Litauen: Russische Propaganda


Auftraggeber/Empfänger: Militär
Datenbasis: ca. 120.000 Beiträge | 101.731 Akteure (X, TG)
Sprache: deutsch
Kernbefund: Kampagnen gegen die Stationierung der deutschen Brigade in Litauen, gegen Deutschland, gegen die NATO, gegen den „westlichen Aggressor“

Anfang August 2024 zeigte die Frage nach einer etwaigen Einflussnahme auf den deutschen Informationsraum im Kontext der „Deutschen Brigade Litauen“ in der Analyse, dass drei weitgehend meinungshomogene Gruppen authentische Diskurse zu sicherheitspolitischen Themen führten und dass manipulative Accounts, die zu Tausenden in den Gruppen wirkten, diese Diskurse gezielt verzerrten. Dabei passten die manipulativen Accounts ihre Inhalte an die Erzählungen ihrer Zielgruppen an, und verschoben deren Haltung schrittweise in Richtung eines einheitlichen, pro-russischen Narrativs.1 Die Ergebnisse der Analyse legen eine koordinierte Kampagnensteuerung nahe, die russische Narrative unterstützt und die Positionen der säkularen, demokratischen Staaten Europas und Nordamerikas gezielt unterminiert.

Die bereits im Sommer letzten Jahres nachgewiesene Vorfeld-Agitation spiegelt sich inzwischen in mehreren Diskurslinien, die innenpolitische Debatte über Wehrpflicht, massive Ausrüstungsdefizite und ausgehöhlte Bündnistreue ist – genau wie die Kriegsangst – in den deutschen Diskursen 2025 fest etabliert.

  1. In der Zusammenschau der einander scheinbar widersprechenden Narrative des militärischen Sicherheitsdiskurses, die Deutschland sowohl als Opfer des US-amerikanischen Imperialismus und künftigen Kriegsschauplatz als auch als aggressiven Kriegstreiber beschreiben, und die Empörung, Abwehr und/oder Angst adressieren, ergibt sich im Sommer 2024 eine einzige Botschaft: Deutschland sollte sich in eigenem Interesse aus dem Baltikum heraushalten.
2025 | Januar Cybercrime: Entwicklungen Russland 2021-2024


Auftraggeber/Empfänger: Projektstudie, intern
Datenbasis: 500.000 Beiträge (Webquellen, TG, X) | 85.000 Akteure
Sprache: russisch

Im Projekt „CYRA“ wurde die SOM-Technologie zu firmeninternen Studienzwecken auf russischsprachige Cybercrime-Kanäle (Telegram) angewandt. Vorausgeschickt sei, dass unsere Kenntnis der Thematik bestenfalls indiskutabel war. Keiner der am Projekt beteiligte Analysten hat Erfahrungen mit IT-Themen oder im Bereich der Cyberkriminalität, wir hatten es quasi mit einer uns unbekannten Fachsprache des Russischen zu tun, die uns unbekannte Inhalte in ungewohnten bis unbekannten Formulierungen mitteilte. Informationen erhielten wir dennoch. Kommuniziert wurde über einzelne Hacker, ATPs und Kollektive, Cybervorfälle, Schwachstellen und Botnetze, darunter die detaillierte Besprechung erfolgreicher Angriffe samt Urheber und Ziele, die Beschreibung von Techniken oder die Preisgabe mitunter Jahre alter, aber immer noch nicht geschlossener Schwachstellen. Nicht unterscheidbar war für uns, ob die ausführlichen Schilderungen in den Kanälen der Angriffsplanung (proof-of-concept) oder der Dokumentation dienten.

Insgesamt thematisierte der russische Informationsraum neben der zunehmenden Überwachung im eigenen Land ein großes Spektrum an potenziellen Angriffsvektoren – von der massenhaften Ausbeutung ungesicherter IoT-Geräte über die gezielte Manipulation maschineller Identitäten und API-Schlüssel bis hin zu Angriffen auf KI-gestützte Systeme, die durch adversariale oder Inference-Techniken manipuliert werden. Dabei erwies sich die bislang weitgehend unregulierte Expansion des Internet of Things (IoT) als eine der gefährlichsten Schwachstellen moderner Infra- und Sicherheitsstrukturen, zumal vernetzte Fahrzeuge perspektivisch im Fokus stehen. Wie ein Katalysator auf diese Entwicklungen wirken die Kommerzialisierung cyberkrimineller Dienstleistungen (CaaS), die die Eintrittsbarrieren für Angreifer senkt, wie auch die aktuellen geopolitischen Spannungen, die den Einsatz von Cyberoperationen als Mittel asymmetrischer Kriegsführung und in diesem Zusammenhang auch Meinungsmanipulation begünstigen, arbeitsteilige Angriffe international agierender Gruppen und Kooperationen krimineller Einzelakteure werden häufiger; zunehmend komplexe, mehrstufige Angriffsketten optimieren das Zusammenspiel von technologischer Innovation und Professionalisierung krimineller Netzwerke.

Ohne spezielles Vorwissen der Analysten trennte die Algorithmik die Kommunikation der Akteure zum einen nach kremlkritischen und kremltreuen Gruppen, zum anderen in themenhomogene Cluster, weiterhin Angriffsarten, Schwachstellen, Botnetze, Malware, Zielsektoren und Akteure, die sowohl technische Beschreibungen realer Vorfälle als auch Diskussionen über potenzielle Angriffsvektoren enthielten, darunter auch Unternehmensnamen im Kontext von Angriffen und offenen Schwachstellen.

Zeitraum Datenbezug Modellbau: 28.12.2021 – 28.12.2024
Zeitraum Datenbezug Modellnutzung: 28.12.2023 – 28.12.2024 


Insgesamt konnten in der Netzwerkanalyse vier, weitgehend themenhomogene Gruppen identifiziert werden.

Gruppe blau

  • 10.362 Akteure
  • prorussisch, kremltreu, behördennah
  • Überwachung = Sicherheit
  • detaillierte Themenkommunikation

Gruppe rot

  • 18.009 Akteure
  • prorussisch, kremlkritisch
  • Überwachung = Gefahr
  • politische u. Themen-kommunikation

Gruppe grün

  • 17.172 Akteure
  • prorussisch, kremlkritisch
  • Überwachung = Gefahr
  • überwiegend politische Kommunikation

Das Sprachmodell bewertete alle Texte des rechtskonform aus offenen Quellen (Soziale Medien und Webseiten) bezogenen Datenbestandes so, dass jeweils etwa 200 der aussagekräftigsten Nachrichten aus den Sozialen Medien jeder Gruppe und ein ausschließlich aus Webseitendaten bestehender Textkorpus den Analysten der Somtxt UG zur qualitativen Inhaltsanalyse bereitgestellt wurden. Zum einen ermöglichte diese Vorgehensweise einen Themenüberblick der in Online-Medien behandelten Cyberthemen des Jahres 2024 (Nachrichtenlage), zum anderen konnten auf diese Weise, d.h. aufbauend auf den in den Gruppen kommunizierten Themen und Haltungen, die Gruppen als unterscheidbare Milieus im russischen Meinungsspektrum verortet werden. Die untenstehenden Auszüge aus den Ergebnissen der qualitativen Inhaltsanalysen enthalten alle, von der Gruppe mit hoher SOM-Relevanzbewertung besprochenen Informationen und repräsentieren auf Basis der Originalquellen und so nah am O-Ton der Gruppe wie möglich die prototypische Gruppenhaltung.

Die induktive Methode der Milieucharakteristik digitaler Großgruppen (methodisch kontrollierte, qualitative Inhaltsanalyse) folgt demselben Prinzip, dem auch das unüberwacht trainierte Sprachmodell folgt, nämlich der Idee, dass weder eine Kategorisierung im Vorfeld noch eine Korrektur der Ausgabe vorgenommen wird, sondern die Daten selbst die Kategorien, innerhalb derer sie sich bewegen, und deren Ordnung offenbaren. So können u.a. Verzerrungen durch in der Subjektivität der Analystenarbeit begründetes Framing minimiert werden.

Ausschnitt Kommunikation Gruppe blau (X, TG)
Ausschnitt Kommunikation Gruppe rot (X, TG)
2025 | März Hamburger Bürgerschaftswahl 2025


Auftraggeber/Empfänger: Regulierungsbehörde
Datenbasis: 250.000 Beiträge (X) | 50.000 Akteure
Sprache: deutsch
Kernbefund: koordiniert handelnde Verstärkerstrukturen, die Themen setzen und die links/rechts- Polarisierung manifestieren, abgeschottete Großgruppe (rechtspopulistisch); grüne Themen von linken Themen verdrängt

Zur Bürgerschaftswahl in Hamburg wurden sowohl im linken als auch im rechten politischen Milieu koordiniert handelnde Großgruppen von Accounts identifiziert, die – zeitlich synchronisiert – bestimmte Themen massiv verstärkten und ihnen auf diese Weise enorme Sichtbarkeit im politischen Diskurs verschafften, während andere unterdrückt wurden. Sichtbar wurden drei politisch divergierende Milieus, die die realen Mehrheitsverhältnisse nicht abbildeten, sondern in invertierter Form wiedergaben. Dominiert wurde der Diskurs vom lautstark jede andere Position attackierenden, rechtspopulistischen Lager, daneben eine linke Strömung, die zwar ausdrücklich links/grün unterstützte, aber in der etwaig grüne Positionen von genuin linken Themen verdrängt waren. Die zwischen den beiden, einander aggressiv anfeindenden Milieus fast zur Gänze zerriebene, politische Mitte orientierte sich sichtbar nach rechts. Das rechtspopulistisch dominierte Milieu1 zeigte eine in sich geschlossene Kommunikation, die widerstreitende Argumente nicht aufnahm und ggf. kritisch debattierte, sondern prinzipiell ablehnte, was auf eine Großgruppe im politischen Meinungsspektrum Hamburgs verweist, die der politischen Debatte grundsätzlich nicht (mehr) zugänglich ist.

  1. 60% der Akteure, d.h. mehr als 7fache digitale Wirkmächtigkeit im Vergleich zur Wahlrealität (7,5% Stimmanteil)
2025 | März Bundestagswahl 2025


Auftraggeber/Empfänger: Nachrichtendienst
Datenbasis: 700.000 Beiträge | 80.000 Akteure (X, TG)
Sprache: deutsch
Kernbefund: koordiniert handelnde Verstärkerstrukturen; Netzwerkschnittmengen mit den zur LTW BW aktiven Manipulationsaccounts; Beteiligung fremdsprachiger Akteure

Unser Informationsraum zeigte sich im Kontext der Bundestagswahl 2025 vollständig polarisiert, die konsensorientierte Mitte war weitgehend aufgelöst, statt pluralistischer Meinungsvielfalt standen – ähnlich der Lage in Hamburg – zwei verfeindete, politische Lager einander unversöhnlich gegenüber. Befeuert von zehntausenden, synchron agierenden Akteuren, die beide Seiten strategisch in extreme Positionen trieben und auch beide Seiten, aber asymmetrisch zugunsten der Mehrheitsposition rechter/rechtspopulistischer Positionen technisch unterstützten, richtete sich der Diskurs auf die Mobilisierung gegen die jeweils als extremistisch wahrgenommene Gegenseite. Die politische Kommunikation folgte eher der Logik von Echokammern und nicht nur die Akteure, auch die Themen der politischen Mitte waren nahezu vollständig zugunsten von Extrempositionen verdrängt. In einer besonders auffälligen Aktion verstärkten knapp 6.000 synchron agierende Accounts einen einzigen Post von Alice Weidel1, der einen Wahlbetrug behauptete, etwa 1.000 von ihnen waren fremdsprachige Accounts, deren einzige Gemeinsamkeit es war, diesen einen, deutschsprachigen Post zu verstärken.

Eingesetzt wurden verschiedene Techniken manipulativer Einflussnahme, die in Aufbau und Logik der russischen informationspsychologischen Architektur der „Reflexiven Kontrolle“ folgen, die in der aktuellen Militärdoktrin und in der Informationsdoktrin Russlands sicherheitspolitisch begründet1 und rechtlich unterlegt und durch den Generalstab der Russischen Föderation mehrfach institutionell verankert wurde. Unser Informationsraum dient dabei nicht lediglich dem Transport zielgerichteter Einflussnahme, sondern erfährt als Ort politischer Willensbildung selbst Manipulation, er wird ganzheitlich und in seiner Funktion als meinungsbildende Instanz strukturell destabilisiert, in einer Zeit, in der Deutschland bislang noch nicht über eine effektive, systematische Wirkungsmessung verfügt.

  1. Vgl. Militärdoktrin der Russischen Föderation | Nr. Pr-2976 | Abschnitt III und IV | http://www.scrf.gov.ru/security/military/document129/ und: Doktrin der Informationssicherheit der Russischen Föderation | http://www.scrf.gov.ru/security/information/document5/ Abschnitt II, Art. 11, 15, Abschnitt IV, Art. 20ff.
2025 | Juli KI-Akteure: Algorithmische Steuerung öffentlicher Diskurse

Auftraggeber/Empfänger: Sicherheitsberater
Datenbasis: accountbasiert (X)
Sprache: deutsch

Kurz nachdem Grok (xAI) am 9. Juli 2025 durch antisemitische und verschwörungsideologische Äußerungen auffiel, identifizierte Somtxt auf X bis dato noch unpopuläre Chatbots, die sich als reale Nutzer ausgeben, aktiv menschliche Accounts ansprechen und eine eindeutig sichtbare, politische Agenda vertreten. Exemplarisch zeigte der X-Account „@Sponjosas“ 24h/d ein konsistentes Muster: Verteidigungspolitik, kompromisslose Unterstützung der Ukraine, Forderungen nach nuklearer Aufrüstung kombiniert mit populistisch-aktivistischen Angriffen auf deutsche Institutionen. In der Kombination von autonom in den sozialen Medien agierenden Chatbot-Accounts mit der Überzeugungskraft generativer LLMs wächst das Risiko selbstverstärkender, von humanem Weltwissen abgekoppelter Informations- und Meinungssysteme absehbar schnell.
Update: Die Analysen von Webquellen aus dem August 2025 wiesen im Vergleich zu Analysen wenige Monate zuvor einen deutlich höheren Anteil LLM-generierter Texte auf (besonders auffällig in arabischer und englischer Kommunikation), es ist anzunehmen, dass der Anteil KI-generierter Information in unserem Sprachraum ebenfalls steigt. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass verzerrte Trainingsdaten eines von KI-generierten Texten dominierten, selbstreferenziellen Informationsraums, in dem LLMs „Wissen“ bereitstellen, perspektivisch den vollständigen Verlust der Kontrolle über das, was wir für Wahrheit halten, bedeuten.